CD-Review: Defrage – Jackal

Schlicht und Cool

Defrage_JackalDie wohl merkwürdigste Art, auf eine Band aufmerksam zu werden, wiederfuhr mir heute Nachmittag in der Fußgängerzone: Eine freundliche, junge Frau sprach mich an. Ob ich Englisch spreche? Natürlich. Ob ich Rock mag? Natürlich! Und auch Metal? Aber klar! Gut, sie seien eine Indie-Band aus Estland auf Europatour, denen gerade das Geld knapp wird, daher versuchen sie, in der Fußgängerzone CDs zu verkaufen. In diesem Moment dachte ich erst mal „Okay, Freaks“, aber man ist ja nicht unhöflich. Sie erzählte ein bisschen über Band und Stil und bot schließlich eine Hörprobe an – auf ihrem Handy. Das nächste Schmunzeln meinerseits. Doch was ich hörte, war nicht mal übel. Also versprach ich ihr, ich würde mir zu Hause einige Songs im Internet anhören und mir die CD kaufen, wenn es mir gefiele. In diesem Moment hatten wahrscheinlich weder sie noch ich die Hoffnung, dass aus dieser Begegnung ein Gewinn für eine der beiden Seiten entstehen würde. Doch es kam anders.
Defrage heißt die estnische Rock-Kombo, die auf so eigenwillige Art Werbung macht, und sie schafften es tatsächlich, mich zu überraschen.
Daheim im Baltikum erregten sie mit dem Musikvideo zu „Save us from Religion“ zuerst positives Aufsehen, machten dann mit dem Zerlegen mehrerer Hotelzimmer eher negative Schlagzeilen. Und weil man in Estland fortan in keinem Hotel mehr unterkam, beschloss man, auf Tour zu gehen – für immer. Seit 2012 tingeln Defrage nun durch Europa, spielen auf Festivals und sogar als Vorband für die Genreopis Whitesnake. Mit den Songs des Debutalbums Jackal von 2012 sind sie damit recht erfolgreich – leider noch nicht genug, um nicht in der Fußgängerzone CDs verkaufen zu müssen. Eine zu Unrecht unbekannte Band, wie ich finde, daher hier eine Review des Albums Jackal.

Defrage machen schlichten, aber eingängigen Hard Rock im amerikanischen Stil und erinnern mich dabei ein wenig an Linkin Park ohne Hip Hop Einlagen, oder auch Bullet for my Valentine, aber weniger stressig-doublebasig. Kraftvolle, aber nicht überpräsente Riffs begleiten einen Mix aus Gesang und Shout, der von angenehmen Melodien geprägt ist, ohne zu poppig zu werden. Auf Jackal findet man weder Balladen noch superharte Stücke, alles fließt eher dahin und man muss anmerken, dass bei 18 Titeln ein paar einzelne Songs in der Masse untergehen, weil sie sich nicht individuell auszeichnen können. Generell ist es schwer, ein „Klingt wie…“ anzugeben, weil Defrage stilistisch in diesen gefährlichen Untiefen der Rockmusik schwimmen, deren Lieder man zwar nicht ausschalten würde, aber sich auch schwer Namen merkt. Musikalisch sind sie aber um einiges fitter als ihre anderen unbekannten Kollegen, ihre Lieder sind packender und man entdeckt schnell, dass die Esten nicht nur depressiv auf ihre Instrumente eindreschen mögen. Man findet sowohl musikalisch als auch inhaltlich echt gute Ideen.
Besonders Songs wie „End of Times“ und „Save us from Religion“, für dessen Clip die Band den estnischen MTV Music Award kassierte, haben echtes Ohrwurmpotential. Viele Stücke zeichnen sich durch ein Lay-Back-artiges Gefühl aus, der Hörer wird nicht permanent von einem Riff zum nächsten Solo gestresst. Die Art Musik, zu der man hunderte Kilometer mit runtergelassenem Fenster durch die Welt fahren könnte, ab und zu cool mit dem Kopf wippend. Genau das unterscheidet Defrage von den gefühlten tausenden anderen Bands in diesem Metal-Pop-Hybrid Genre. Sie sind musikalisch schlicht, okay. Eingängige Melodien, begleitet von einfachen, akkordischen Gitarrenharmonien und ab und zu ein wenig sphärischer Keyboardsound. Aber genau das ist es, was den Reiz dieses Albums ausmacht, die Band versucht nicht, krampfhaft besonders cool oder hart rüberzukommen. Shout-Passagen sind stets nahtlos und sinnvoll eingefügt, ein ständiger Wechsel zwischen gemütlich und etwas härter hält die einzelnen Stücke interessant. Mehr braucht es auch gar nicht, wieso etwas vorgeben, was man nicht ist? Der Hörer chillt sich durch dieses Album geradezu hindurch und kann einfach abspannen, ohne auf gute Rockmusik verzichten zu müssen. Genau das macht Defrage sympathisch. Das Image des hotelverwüstenden Rockers passt mir da nicht ganz ins Bild, aber vielleicht sind diese Jugendsünden ja Vergangenheit.
Eine kleine Schwäche des Albums ist, neben seiner gesamten Länge von 18 Songs (eigentlich 17, dazu gleich mehr), von denen man wahrscheinlich locker 6 streichen könnte, auch teilweise die Länge einiger Lieder. Viele der zumeist über vier Minuten langen Stücke könnte man etwas einkürzen, da sie gegen Ende dann doch Gefahr laufen, langatmig zu wirken. Aber ich verbuche das eher als „Anfängerfehler“ einer jungen Band, die ihr erstes Album herausbringt und so viel wie möglich des geschriebenen Materials verwerten möchte.
Track Nummer 18 auf der Scheibe, „The Sick Letter“, gehört eigentlich nicht zu Jackal, sondern ist ein Vorgeschmack auf das neue gleichnamige Album, das mir heute in der Fußgängerzone schon mal versuchsweise in die Hand gedrückt wurde und laut Facebook „coming soon“ ist, man darf also gespannt sein.

Defrage TitelbildDefrage ist eine junge Band mit viel Potential, die ein wenig Unterstützung verdient. Ihr ehrlicher, eingängiger Rock lädt zum Entspannen ein und verlangt dem Hörer keine musikwissenschaftlichen Höchstleistungen ab. Ihre Musik bleibt schlicht genug, um nicht nervig zu sein, enthält genug Abwechslung, um nicht langweilig zu werden, und hat dabei die sanfte Härte frühen Hard Rocks und die Eingängigkeit guter Popsongs.
Für alle, die nicht immer dröhnendes Instrumenten-Dreschen und growlende Bös-Metaller brauchen, die bei Musik gern abschalten und keine hochtechnischen Spirenzchen brauchen, machen Defrage coole Chill-Musik, die man immer wieder zwischendurch anhören kann.

Live kann man die Jungs im Juni auf dem diesjährigen Nova Rock sowie einiger weiterer Festivals begutachten, im August dann auch im heimischen München. Tourdaten und weitere Infos gibt’s im Gesichterbuch, das Album Jackal kann der geneigte Hörer bei Amazon und im iTunes Store erwerben.

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch2:

Anspieltipps:
„End of Times“

„Save us from Religion“
„Hotel Breakers“

Defrage – Jackal, 2012
Independent
8,99€

Tracklist:
1. Save us from Religion
2. Jackal
3. We Never Die
4. Etiquette
5. End of Times
6. Hotel Breakers
7. Stairway to No Heaven
8. Infinty 8
9. Self-Esteem Nfs
10. Puddle of Nirvana
11. Gehenna
12. 365,265
13. Green Light
14. Put Your Money in Your Ass
15. One World, One Dream
16. We All Burn in Hell
17. Abortion
18. The Sick Letter

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