Rezension: Su Turhan – Kommissar Pascha

Döner Delüks

 

978-3-426-51191-6turhan-kommissar-pascha_druckZeki Demirbilek ist Ende Dreißig, Komissar bei der Münchner Polizei und hat trotz seiner türkischen Wurzeln eine fatale Vorliebe für Schweinebraten. Von seiner ersten Frau und großen Liebe Selma ist er geschieden, Tochter Özlem lebt bei ihm in München (bzw. in ihrer Studentenwohnung), Sohn Aydin bei der Mutter in Istanbul. Auch die Ehe mit seiner zweiten Frau Frederike scheitert gerade, sodass Ablenkung in Form der neugegründeten Abteilung „Migra“ gerade recht kommt, deren Leitung Zeki allerdings eher widerwillig übernimmt. Migra soll sich um all die Fälle kümmern, in die ausländische Mitbürger verwickelt sind. An seiner Seite stehen die beiden jungen Beamtinnen Isabel Vierkant und Jale Cengiz, die wegen des Jobs von Berlin nach München zieht. Schon der erste Fall des jungen Teams ist aufsehenerregend, aus dem Eisbach an der Surferbrücke beim Haus der Kunst wird die Leiche eines Mannes geborgen. Dem Äußeren nach wohl südländischer Herkunft, und man hat dem Opfer eine Reihe Reißnägel in die Brust getrieben, die das arabische Wort „schaitan“ bilden, Teufel. 
Die Ermittlungen ergeben, dass es sich um einen gewissen Bülent Karaboncuk handelt, der als Putzkraft in einem Wellness-Salon bzw. Puff namens „Sultans Harem“ gearbeitet hat. Dort stellt sich allerdings heraus, dass er eher so etwas wie eine Art Geschäftsführer war. Schon kurz darauf führt die Spur erneut zum „Sultans Harem“, da dort eine weitere Leiche mit Reißnägeln in der Brust gefunden wird – Stefan Tavuk, Stammgast und mit einer Türkin verheirateter Deutscher. Auch er wurde erwürgt (wie das erste Opfer), die Reißnägel bilden ebenfalls das Wort „Teufel“. Außerdem wird gegenüber des Gebäudes noch eine Leiche gefunden, ein älterer Türke sitzt erschossen in einem Auto. Es handelt sich dabei um Metin Burak, Chauffeur der Familie Güzeloğlu. Süleyman Güzeloğlu ist Besitzer der bekannten Döner-Kette „Döner Delüks“, seine Tochter Gül tritt oft im „Sultans Harem“ auf und ist bekannt für ihr laszives und ausschweifendes Partyleben. Es liegt nahe, dass die Mordmotive etwas mit dem Klub und auch mit Gül zu tun haben, Karaboncuk und Tavuk kannten sich vom Klub her, als deren Pächterin sich Gül schließlich herausstellt. Metin Burak wird als Mörder der beiden identifiziert, da bei ihm dieselben Reißnägel gefunden wurden wie an den Leichen. Doch was außer dem „Harem“ und die Familie Güzeloğlu verbindet diese Menschen?

Wie es im Detail weitergeht, soll hier natürlich nicht verraten werden, man darf sich aber auf turbulente und mitunter auch gefährliche Ermittlungen und Ereignisse freuen. Der Plot ist auch ein großes Plus dieses Kriminalromans, auch wenn er sich oft etwas verschachtelt präsentiert und man genau mitlesen muss, um kein wichtiges Detail zu übersehen. Am Ende wird aber das Geflecht aus Morden verschiedener Täter, verschiedener Motive und großer Gefühle befriedigend und logisch aufgelöst.
Ein weiteres Plus des Buches ist der „Kommissar Pascha“, Zeki Demirbilek. Mit seinen Eltern im Alter von zwölf Jahren aus Istanbul nach Bayern (über Augsburg nach München) gekommen und bayrischer Türke aus Überzeugung, hat er so seine Ecken und Kanten, die ihn zu einer interessanten und ausbaufähigen Hauptfigur machen. Drei Stofftaschentücher pro Tag müssen es sein, seinen Mitarbeitern muss man auch nicht zwingend mitteilen, wenn man auf eigene Faust ermittelt (seine Untergebenen dürfen dies natürlich nicht), auch mal einen halben Tag nicht erreichbar sein – Zeki ist ein einzelgängerischer Griesgram bei den Ermittlungen, im Privatleben jedoch ein Familienmensch. Er trauert immer noch seiner großen Liebe Selma hinterher, auch wenn er sich bewusst ist, dass sein Beruf die Ehe zerstört hat. Er leidet darunter, dass seine Tochter Özlem ausgezogen ist, und er bemüht sich sehr, den Kontakt zu seinem Sohn Aydin, der im Laufe der Handlung von Istanbul nach München zieht, wieder zu stärken.
Ein bisschen blass bleiben da leider allerdings noch die Nebenfiguren wie Isabel Vierkant, Jale Cengiz oder der Kollege Pius Leipold, der zur Migra zwangsversetzt wird, denen im nächsten Band ja vielleicht ein wenig mehr Raum gegeben wird. Eine Nebenfigur gefiel mir dagegen richtig gut, der Auftragskiller „der Deutsche“, der sehr schön charakterisiert war und geradewegs aus einem James-Bond-Film stammen könnte.
Ein weiterer kleiner Kritikpunkt meinerseits ist auch die Sprache, die oft etwas einfach und hölzern wirkt, gerade in den Dialogen – das ist bei einem Debüt aber verzeihlich, und insgesamt liest sich das Buch flott und flüssig, was ja die Hauptsache ist.

Eine gelungene Vermischung bayrischer und türkischer Eigenheiten, ohne jedoch in Klischees abzudriften, beziehungsweise werden diese selbstironisch eingebaut. Auch Krimihandlung und Münchner Lokalkolorit halten sich gut die Waage, sodass hier sowohl die Leser von Regio-Literatur als auch normale Krimileser gern ein Auge riskieren können.
Mir hat die Lektüre Spaß gemacht, auch wenn ich mir im Nachfolgeband ein paar Verbesserungen erhoffe – etwas gewandtere Sprache, vielleicht eine nicht ganz so verschachtelte Handlung und etwas mehr Raum für die Mitglieder des Migra-Teams.

Su Turhan (eig. Süleyman Turhan), 1966 in Istanbul geboren, ist Regisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller. Nach dem Studium an der LMU München arbeitet er in der Filmbranche als Lektor und Producer und gründet schließlich seine eigene Produktionsfirma GetpiX. Er arbeitet mit namhaften deutschen Schauspielern und Produzenten zusammen und heimste diverse Preise für seine Filme ein. Sein Spielfilm-Debüt Ayla kam 2010 in die Kinos. Su Turhan lebt mit seiner Familie in München. Bierleichen, der zweite Roman um Zeki Demirbilek, ist in Arbeit und soll Anfang 2014 erscheinen.

Webseite Su Turhan mit Lesungsterminen

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Verlag: Knaur
Format: TB, 328 Seiten (inkl. Glossar)
Preis: 8,99€ (auch eBook)

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