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Das Kupferherz

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Landsberg, eine Insel mitten im Nirgendwo, eine schwebende Scholle. Wir sehen, wie Landsberg im Licht einer warmen Sonne seinen Schatten wirft. Dann nähern wir uns, zuerst dem Königreich Januskoogen, das an der westlichen Seite der Scholle gelegen ist. Weiter auf die Stadt Schierling und das Stadtviertel Brombach. Und dort sehen wir ein Dach, bestückt mit einer seltsamen Gerätschaft. Davor steht ein Mann und kontrolliert Anzeigen. Wir erfahren auch seinen Namen: Heinrich Lerchenwald. Er klettert wieder vom Dach herunter, scheint seine Arbeit beendet zu haben und zumindest einigermaßen zufrieden zu sein. Er füttert seine Fische, alles ist ruhig…
Bis plötzlich seine Tür zersplittert und ein Trupp Soldaten in Rüstung und mit Gesichtsmasken seine Wohnung stürmt. Sie überwältigen den schlanken Mann fast sofort. Es gibt nur eine Frage, die sie interessiert:

Wo ist das Herz?

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Das ist der Einstieg in eine phantastische, teilweise düstere und auch fremde Steampunkwelt von Steam Noir. Der Comic folgt den Abenteuern des bereits bekannten Heinrich Lerchenwald, seiner Assistentin Frau D und des beseelten Maschinenmannes Herr Hirschmann. Die drei arbeiten für eine Organisation, die sich der Leonardsbund nennt und sich mit der Erscheinung von Seelen in Landsberg befasst. Aber um dies zu erklären muss man etwas ausholen:
Die Scholle Landsberg wird regelmäßig von Seelen heimgesucht, Verstorbene, die aus Vineta zurückkehren. Jene Insel ist das Reich der Toten, wo alle nach ihrem Ableben hinkommen. Allerdings ist es kein Einweg-Ticket. Einige schaffen es, wieder den Weg in ihre diesseitige Heimat zurück zu finden, wobei die Seelen dann vorerst auf Landsberg gefangen sind und mit fortschreitender Zeit dort mehr und mehr die Realität um sich herum verzerren. Das wiederum schadet den Lebenden. Zusätzlich treibt in regelmäßigen Abständen die Toteninsel Vineta nahe an Landsberg vorbei, verdunkelt die ganze Scholle und sorgt für mächtige Verzerrungen und viel Leid. Hier tritt der Leonardsbund auf den Plan, dessen Aufgabe es ist, die Aktivitäten von Seelen insbesondere im Königreich Januskoogen zu überwachen. Dabei spielen besonders Bizarromanten, wie Lerchenwald einer ist, eine wichtige Rolle, denn sie können über spezielle Geräte Seelen aufspüren und mit ihnen in Kontakt treten.

Auf einem dieser Aufträge kommt Lerchenwald einem Geheimnis auf die Spur, welches ihn letzten Endes zum Kupferherz und seinen Schöpfer führt. Dieses Herz scheint ein mechanisches Ersatzteil für Menschen zu sein und heiß begehrt, denkt man an die Soldaten, die zu Beginn Lerchenwalds Tür deswegen eintraten. Man könnte es allerdings für verwunderlich halten, da in der Welt Steam Noirs mechanische Prothesen durchaus nicht selten sind, auch wenn ein Herz wohl einmalig ist. Aber es ranken sich wohl mehr Geheimnisse darum, als es zunächst scheint, und Lechenwald, Frau D und Herr Hirschmann werden immer tiefer in seltsame Begebenheiten gezogen, in der auch Vineta und die zurückgekehrten Seelen eine Rolle spielen.

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Interessant ist die Verbindung, die man hier zu Venedig aufbauen kann, auch wenn man Der Tod in Venedig von Thomas Mann nicht gelesen hat. Immerhin liegen die Namen Vineta und Venedig sehr nahe beieinander, aber das ist noch nicht alles. Tatsächlich gibt es im echten Venedig auch zwei Toteninseln, nämlich die berühmte und bei Touristen bekannte San Michele und deren Schwester Sant‘ Ariano, die beide in der so genannten „laguna morta“ liegen. Während erstere Insel seit 1837 der Zentralfriedhof für Venedig ist, hat letztere eine um einiges düstere Bestimmung. Dort wurde wohl 1565 eine Mauer errichtet und die Insel zu einem Ossuarium, einem Gebeinhaus unter freiem Himmel, umgestaltet. Heute wuchern dort hohe, undurchdringliche Brombeerhecken und Saint‘ Ariano ist unbegehbar, aber die Knochen sollen sich angeblich meterhoch stapeln.
Wenn man sich das vor Augen führt: Eine Lagune mit der großen Insel Venedig und den kleinen, auf denen die Verstorbenen wohnen, so möchte man doch vermuten, dass zumindest ein klein wenig Einfluss unserer realen Welt in die Entwürfe von „Steam Noir“ mit hineinspielt.
Und es gibt noch mehr Hinweise: Die bekannten venezianischen Masken, wie sie zum Karneval getragen werden, entstammen einem Totenkult, wo sie als Abbild des Toten eingesetzt wurden. Und in „Steam Noir“ verdichten sich schon sehr früh die Hinweise, dass es einen Zurückgekehrten aus Vineta gibt, der im Mittelpunkt der Geschichte steht: Eine Seele mit einer weißen Maske, die eine lange Nase hat. Klingt vertraut venezianisch.
Vielleicht sind diese parallelen Zufall, vielleicht aber auch Absicht. Auf die eine oder andere Weise fügt es sich nahtlos in das Konzept und die Stimmung des Comics ein.

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Bei all den fesselnden Geschichten kommt man kaum umhin, die bisher erschienenen zwei Bände mehrmals hintereinander zu lesen, um die wundervollen Zeichnungen von Felix Mertikat zu bewundern. Er wartet mit schönen Details auf, die Figuren wirken lebendig und ziehen den Leser mit. Besonders gefallen mir die verschiedensten Maschinen, die dem Steampunk-Comic sein ganz eigenes Aussehen geben, kombiniert mit den Farben, die eher in Braun- oder Grautönen gehalten sind, mit wenigen bunten Farbtupfern, was die Stimmung perfekt trägt und transportiert.
Unterstützt wird Mertikat durch Benjamin Schreuder im ersten Band und ab dem zweiten von Verena Klinke, welche die Texte verfassen. Auch hier lässt sich ein eigener Stil erkennen, der zum Beispiel in der Sprechweise der Charaktere wieder ein Stück Leben mehr in den Comic bringt. Schön sind beispielsweise Ausrufe wie „Sapperlot“, was Lerchenwald gerne von sich gibt.

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Bisher sind laut Verlag zwei Bände erschienen, Teil drei soll auf der Comicmesse in München (29.5. bis 2.6.) vorgestellt werden und auch die Nummer vier ist bereits angekündigt. Also heißt es mit Geduld warten, um zu erfahren, wie es auf Landsberg weiter geht.

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Illustration, Story & künstlerische Leitung: Felix Mertikat
Story & Text: Benjamin Schreuder (Band 1), Verena Klinke (ab Band 2)
Farben: Jakob Elrich (ab Band 2, Band 1 Florian Reindl für Farbassistenz)
Verlag: Cross Cult
ca. 60 Seiten
16,80 €
Comic-Fachhandel und Amazon

Bilder: Cross Cult
Text: Hammer Artikel

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