CD-Review: SHRIKE: Hinab in die vertraute Fremdheit (VÖ: 14.06.2013)

Der Herr der Schmerzen

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Eine deutsche Black-Metal-Band namens SHRIKE? Nun, ich war im Januar diesen Jahres sehr sehr intensiv mit Herrn Simmons (nein, nicht Gene – Dan!) beschäftigt und eigentlich der Ansicht, ich hätte meinen Shrike-Soll für 2013 schon erfüllt. Denn, soviel Erklärung sei für Uneingeweihte noch hinzugefügt, das Shrike ist in Dan SimmonsHyperion-Gesänge eine mysteriöse und sehr bedrohliche Wesenheit auf dem Planeten Hyperion. Es kann zwischen verschiedenen Zeitebenen wechseln, besteht scheinbar aus Metall und ist überall mit Klingen und Dornen gespickt. Seine Opfer werden an einen Baum genagelt, wo sie nicht sofort sterben, sondern zunächst die vollen psychischen und physischen Todesqualen durchleiden müssen. Und – immerhin handelt es sich bei SHRIKE ja um eine Black-Metal-Band – das Shrike kann die sogenannte Kruziform, das Markenzeichen der Priester der Zukunft, entfernen, was eigentlich unmöglich ist, da diese mit seinem Träger verwächst.
Alles in allem also eigentlich keine schlechten Voraussetzungen für ein gutes Stück Schwarzmetall. Der Vollständigkeit halber sei noch kurz erwähnt, dass es die Band seit 2006 gibt und Hinab in die vertraute Fremdheit das zweite Album der fünf Herren Uwe (Gesang), Jul (Gitarre), Xaver (Gitarre), Fabi (Bass) und Moe (Drums) ist.

Das Thema Zeit dominiert nicht nur den Hyperion, sondern auch Hinab in die vertraute Fremdheit: Zeiteinheiten wie Morgen, Tag, Abend, Dämmerung sind titelgebend für die ersten vier Songs, bevor wir dann in die etwas weniger konkreten zeitlichen Gefilde vorstoßen. Auch hier schlägt uns Dan Simmons auf der Titelebene um die Ohren, Zeitlosigkeit und Schmerzen – man denke an den Dornenbaum – schreien Hyperion aus jeder Nummer, scheint es.
Nach der beklemmenden und sehr gelungenen Klangkomposition „Der Morgen“ arbeitet man sich über den „Tag“, den „Abend“ und die „Dämmerung“ durch Stücke, die meist im mittleren Tempo gehalten sind, aber auch an den richtigen Stellen eine gewisse Schnelligkeit nicht vermissen lassen. Musikalisch wird kein Bruch zwischen den Zeiteinheiten und den letzten vier Stücken deutlich, damit hatte ich aufgrund meiner Interpretation der Titel beinahe gerechnet. Die Texte sind einigermaßen lyrisch, stilistisch reichen sie allerdings nicht an Dornenreich oder Nocte Obducta heran. Auch textlich ist jedenfalls der Bezug zum Generalthema „Zeit“ stets hergestellt. Gesungen wird überwiegend in einem sehr ansprechenden gurgelnden Kreischen, dazwischen gibt es immer wieder Cleargesang oder halbwahnsinniges Flüstern; alles in allem also eine ganz ordentliche Mischung. Immer wieder gelingt es SHRIKE, eine düstere, beklemmende Stimmung aufzubauen, und die tendenziell ruhigen Songs, wie beispielsweise „Zeitlos“, tragen das auch gut. Aber leider gelingt es nicht, das über die volle Distanz, die volle Laufzeit durchzuhalten. Ziemlich gut gefällt mir der letzte Song, „Schmerzen“, der auch mit weiblichem Gesang im Hintergrund aufwartet und überaus vielschichtig ist, was ich bei einem Stück mit über zwölf Minuten Länge auch erwartet habe: Ruhige Passagen werden so plötzlich, als hätte jemand irgendwo eine Schleuse geöffnet, zu hartem Gedresche, um dann wieder abzuflauen und melodisch zu werden.

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Es dauerte eine Weile, bis ich mich in SHRIKE eingehört hatte. Beim ersten Anspielen der Platte war ich durchaus angetan von der Musik, aber dennoch konnte sie bei der ersten Hörprobe nicht vollständig überzeugen. Das mag, und ich wage kaum, das hier niederzuschreiben, an der streckenweise auf suboptimal getrimmten Produktion liegen. Normalerweise habe ich gar nichts dagegen, wenn‘s scheppert und rauscht, aber der Musik von SHRIKE täte meiner Meinung nach etwas weniger Demo-Touch gut, da er hier einigen der Songs einfach die nötige Schärfe, den Fokus raubt.
Ich hätte SHRIKE insgesamt gerne besser gefunden – rein äußerlich haben die Jungs eigentlich alles, was mich anspricht: einen coolen Namen mit SciFi-Bezug, deutsche Texte, harte, aber dennoch melodische Musik –, aber irgendwie geht es mir mit SHRIKE ein bisschen wie mit den guten alten Grabnebelfürsten: Ich komm einfach nicht ganz rein in die Musik, irgendwie bringen SHRIKE nichts in mir zum Klingen, zum Abgehen, obwohl eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt wären. Bei mir zündet Hinab in die vertraute Fremdheit also nur bedingt, denn gute Momente hat die Scheibe durchaus.

Anspieltipp: Zeitlos

:mosch: :mosch: :mosch2: :mosch2: :mosch2:

SHRIKEHinab in die vertraute Fremdheit
14.06.2013
€ 13,00
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Tracklist:
01. Der Morgen
02. Der Tag
03. Der Abend
04. Die Dämmerung
05. Der Traum
06. Die Zeit
07. Zeitlos
08. Schmerzen

Spielzeit: 57 Minuten

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