Buch: Rob Reid – Galaxy Tunes

Per Anhalter durch die Galaxis für die Generation iPod

Rob Reid erklärt in Galaxy Tunes die Welt des Urheberrechts in einer humorvollen Space Opera, die vor nichts und niemandem halt macht

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Die Galaxis wird beherrscht von der Kultivierten Liga, einem Zusammenschluss unterschiedlichster Alien-Zivilisationen, die frei, gleich und in Frieden leben. Jede Spezies, die es geschafft hat, sich während ihrer Entwicklung nicht selbst zu vernichten, kann in die Kultivierte Liga aufgenommen werden. Natürlich legt man in der Kultivierten Liga sehr viel Wert auf Kultur, und so gehen die Kunstwerke der Aliens in den Gemeinbesitz über. Copyright? Fehlanzeige, in einer wirklich kultivierten Zivilisation hat man das nicht nötig. Bildhauerei, Mode, Innenarchitektur, Synchronschwimmen, Lyrik, Découpage und Pyrotechnik gelten bei wahrlich zivilisierten Völkern der Galaxis als expressive Kunstformen. Kein Wunder, dass die Errungenschaften der Menschheit auf diesem Gebiet von geradezu „grotesker Kümmerlichkeit“ (1) sind, immerhin gelten einige dieser ungemein geschätzten Kunstformen bei uns nicht einmal als solche. Theaterstücke und Fernsehserien aus irdischer Produktion fallen in die Kategorie „So schlecht, dass es schon wieder gut ist“(2) – kurz: Wir sind, gemessen am Rest der Galaxis, ziemliche Deppen, wenn es um Kunst geht. Mit einer Ausnahme: Wir sind richtig, richtig gut in Musik.

Tatsächlich empfangen wir seit Jahren Alien-Balladen und -Hymnen und wissen es nicht, weil wir diese absolut grauenhaften Geräusche für Nova-Explosionen oder Sternkollisionen halten. Und dem Rest der Galaxis wurde bewusst, wie gut wir in musikalischen Dingen sind, als sie in den 1970er Jahren erstmals unsere Fernsehsendungen empfingen. Genauer: Die US-amerikanische Serie „Welcome back, Kotter!“. Das Titellied erklang, und was die Kultivierte Liga da zu hören bekam, versetzte viele ihrer Mitglieder in derartige Ekstase, dass es zu Hirnblutungen kam – ein Massensterben setzte ein und setzte sich fort, als die Kultivierte Liga die Bee Gees und schließlich The Who entdeckte.

Doch mit jeder neuen tödlichen Entdeckung – Billy Joel, U2, Led Zeppelin, Madonna, Metallica – verringerte sich die Todesrate, denn die Aliens wurden nach und nach abgehärtet. Jedes einzelne Musikstück, das seit 1977 auf der Erde produziert und gespielt wurde, verbreitete sich rasend schnell durch die Galaxis und löste immer neue Wellen des Glücks aus. Erst Jahrzehnte nach dem sogenannten „Kotter-Moment“ konnten die Kultivierten Wesen ihre regulären Tätigkeiten wieder aufnehmen. Insbesondere die Alien-Anthropologen begannen, noch andere Aspekte der menschlichen Gesellschaft zu erforschen: Technik. Medizin. Religionen. Rechtssysteme. Das Urheberrecht. Und das war der Moment, in dem ihnen schlagartig klar wurde, dass sie der Menschheit eine Menge Geld schulden. Genauer: den Gegenwert der gesamten Galaxis.

 

Nein, nicht der von den Backstreet Boys!

Nun kommt es keinesfalls infrage, der unzivilisierten Menschheit so viel Geld und die damit einhergehende Macht anzuvertrauen. Nicht zu sprechen von den Schulden, die jedes einzelne Mitglied der Kultivierten Liga angehäuft hat. Stattdessen, so beschließt eine kleine Gruppe, sollte man lieber die Erdlinge, die noch keineswegs den zivilisierten Status erreicht haben, bei der Selbstauslöschung ein wenig zur Hand gehen. Damit sind Carly und Frampton, zwei Alien-Musiker, die ihr Geld mit Playback-Shows verdienen, alles andere als einverstanden, und sie beschließen, die Erde zu retten. Ihnen ist klar, dass nur ein Mann ihnen helfen kann: Nick Carter, Anwalt für Urheberrecht. Weil sie glauben, dass es sich dabei um den Backstreet Boy gleichen Namens handelt, wollen sie ihn anheuern – und für den jungen Anwalt, der nie etwas mit oben genannter Boyband zu tun hatte, hat oder haben wird, beginnt das rasanteste, spannendste und witzigste Abenteuer seit dem Urknall …

Und das ist weder gelogen noch zu weit hergeholt: Galaxy Tunes brennt ein wahres Feuerwerk aus Popkultur-Referenzen, Musik-Trivia und skurrilen Situationen ab und unterhält so wirklich hervorragend. Die Handlung entfaltet sich in zwei Settings: Zum einen die musikverrückten Aliens, die jedes Mal, wenn sie irdische Musik hören, in eine Art Trance verfallen, die sie (nicht besonders rhythmisch oder elegant) tanzen lässt, die Gesichter zu einer Maske der Glückseligkeit verzerrt, und die aus Versehen die größte Copyright-Verletzung seit Beginn des Universums begehen. Zum anderen unsere Erde, genauer gesagt, das heutige New York, Sitz einer der größten Anwaltskanzleien für Urheberrecht und Wohnort von Nick Carter. Die Kanzlei, in der der engagierte Junganwalt arbeitet, ist eng verzahnt mit Washington und denjenigen, die in den USA die Gesetze machen.

Rob Reid gelingt es wunderbar, das Groteske beider Welten zu zeigen, und man muss sich inmitten all dieser absurden Situationen immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass wahrscheinlich nur eine der beiden Welten erfunden ist. Immerhin handelt es sich bei dem Autor um den Gründer von Rhapsody, einem Online-Musikdienst und der erste seiner Art, bei dem User durch einen monatlichen Festpreis die komplette Datenbank streamen konnten, was zu Beginn der 2000er Jahre eine absolute Neuheit darstellte. Hierzu holten Reid und sein Team die großen Labels in Boot und schlossen entsprechende Verträge mit ihnen ab. Erst Apple und iTunes beendeten den Höhenflug Rhapsodys. Kurz gesagt, Rob Reid verfügt über einen guten Einblick ins Urheberrecht, der sicherlich in seinen Roman eingeflossen ist.

Heavy Metal

Denn Reid bietet dem Leser etwas, das über die rein komischen Situationen hinausgeht: Teilweise in Fußnoten, teilweise in den Erklärungen Nick Carters, erfährt man ziemlich viel über das Urheberrecht und dessen Umsetzung nicht nur im Amerika. Spezifisch für die Musikindustrie werden in Meetings der Anwälte und bei Besuchen von Senatoren schrittweise die Prozesse gezeigt, die zu teilweise absurden Ausgangssituationen führen, mit denen sich jetzt Künstler, Labels, Anwälte und natürlich auch Piraten herumschlagen müssen. Wie kommt die Musikindustrie eigentlich auf diese streckenweise absurd hohen Zahlen, mit denen sie ihre jährlichen Verluste beziffern? Wie errechnet sich eigentlich der Wert von 150.000 US-Dollar, der in Amerika die gesetzlich festgelegte Schadenssumme ist, die man für jeden einzelnen Copyright-Verstoß zu bezahlen hat? Wie kann eigentlich eine Einzelperson einem multinationalen Unternehmen einen solchen Schaden zufügen, indem er oder sie einen einzigen Song herunterlädt? Warum kostet ein Einfamilienhaus durchschnittlich weniger als eine Raubkopie von „My Sharona“?!

Gut, nicht alle Fragen werden tatsächlich beantwortet, aber der interessierte Leser bekommt einen ganz guten Überblick darüber, wie diese ganze Geschichte eigentlich funktioniert. Und das Schöne ist: Der nicht-interessierte Leser kann all diese Kommentare und Hinweise zur Kenntnis nehmen und sich dann an der rasanten sowie actionreichen Handlung erfreuen. Und an den zahllosen Referenzen auf Popmusik, von denen mich aufgrund persönlicher Präferenzen die am meisten erheiterten, die sich auf Heavy Metal beziehen. Crashkurs in Alien-Chemie gefällig? Robotersonde Özzy, die Nick Carter und seine Freundin Mandy besucht, besteht aus Metallicam – das schwerste Element im Universum. Auf die Frage, welche anderen superschweren Elemente es in den Weiten des Alls noch gibt, antwortet Özzy:

„Nun, da wäre Vanhelium, das hart wie Stahl ist, aber eine negative Masse besitzt. Deswegen kann man damit schwere Dinge zum Schweben bringen. Dann Deffleppimit, das für künstliche Prothesen verwendet wird. Und Slayerium, das energiereichste Element der gesamten Schöpfung. Und dann gibt es noch […] Megadethium, Ledzeppimit, Anvilium, Sabbathium …“ […] „Was ist mit Bonjovium?“, fragte ich. […] „Natürlich existiert auch das. Aber nach unseren Maßstäben ist Bonjovium auf keinen Fall ein Schwermetall“, schniefte Özzy. „Die Ordnungszahl beträgt nur fünfzig. Ihr nennt es ‚Zinn‘.“ (3)

Das Wunderbare ist nun: Rob Reid hält es mühelos durch, mindestens einen solchen Knaller pro Seite zu produzieren. Beispielsweise verwandelt sich das Alien-Pendant zum iPhone, mit dem man natürlich auch Musik abspielen, Hologramme erzeugen und was nicht noch alles kann, unter Nick Carters Hände in Clippy, die ach so hilfreiche Büroklammer aus MS Word, weil es sich auf menschliche Bedürfnisse einstellt. Der interstellare Verkehr zur Erde, der streng verboten ist, wird von pluuhs bewacht, dem Alien-Pendant zu Buchhaltern: Einer Spezies, die so langweilig ist, dass man sie nach einigen Minuten nicht mehr wahrnimmt und ihnen auch nicht folgen kann. Man kann sich einfach nicht lang genug auf sie konzentrieren, um sie auch nur dauerhaft ansehen zu können – sie werden einfach ausgeblendet. Eine Reality-Show, in der Bono-Imitator Daddy der unumstrittene Star ist, dominiert die Galaxis mit verheerenden Folgen. Die Zeitrechnung der Aliens wird umgestellt – für sie beginnt mit dem Kotter-Moment (am 13. Oktober 1977 um 20:29 Uhr Eastern Standard Time, um ganz genau zu sein) eine neue Zeitrechnung, die mit Prä- und Post-Kotter abgekürzt wird. Dummerweise ist das beide Male dieselbe Abkürzung …
Unnötig zu erwähnen, dass noch beliebig viele solcher Beispiele aufgezählt werden könnten, Galaxy Tunes ist voll davon und lebt von ihnen. Reid macht dabei vor keinem Klischee, keinem Künstler oder anderweitig prominenten Menschen halt, bemüht Science Fiction-Filme („Bei Grabthars Hammer!“) ebenso wie beinahe wieder in Vergessenheit geratene Dancefloor-Acts aus den Neunzigern („Hey, Macarena!“). Die Aliens sind mit ebenso viel Liebe gezeichnet wie die menschlichen Protagonisten, seien sie nun gut oder böse, und bei alledem kommen auch die Indie-Künstler und die internationale wie interstellare Politik nicht zu kurz.

Rein auf der Handlungsebene gibt es, meist hervorgerufen durch die Tücken des Rechtssystems, auch diverse unvorhergesehene Wendungen, die für einiges an Dynamik sorgen. Eine sich zart anbahnende Liebesgeschichte ist auch dabei, die jedoch nie im Vordergrund steht, und natürlich wird von Stern zu Stern gereist, um das Problem irgendwie zu lösen. Seltsame Aliens, deren Musik in menschlichen Ohren eine Waffe ist, unglaublich schöne Städte, die für unsere Augen unerträglich wären, Raumzeit-Falzen, die Reisen beinahe ohne Zeitverlust erlauben, Wesen, die aussehen wie irdische Prominente – und mitten drin der unerschrockene Anwalt, dessen Taktik vor allem darin besteht, so zu tun, als sei er von nichts überrascht; eine Taktik, die meistens aufgeht und für noch mehr Komik sorgt.

Alles das macht Galaxy Tunes zu einem der witzigsten Bücher dieses Jahres – ein Muss für jeden, der etwas für Sci Fi und gute Musik übrig hat!

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Rob Reid: Galaxy Tunes (Year Zero, 2012). Roman. Deutsch von Bernhard Kempen.
Wilhelm Heyne Verlag, 2013.
478 Seiten.
9,99 Euro.
Verlagsinformationen zum Buch
Homepage des Autors

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1 Reid: Galaxy Tunes, S. 8.
2 Ebd.
3 Ebd., S. 78.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 21. September 2013 im CulturMag

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