CD: The Committee – Power through Unity

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History is written by the victors. We are the voice of the dead.

the-committee_power-through-unity_coverEin bisschen skeptisch war ich ja schon: Eine Band namens The Committee präsentiert mir ein Debütalbum mit dem Titel Power through Unity mit einem Cover wie ein Propagandaplakat? Sofort projizierte mein Hirn Bilder aus dem Film V wie Vendetta, und als Skeptiker gegenüber jeder Form von Text ließ ich mich von dem Statement der Band auch herzlich wenig beeindrucken, man habe keinerlei politische Absichten, sondern wolle den Toten, die unter die Räder der Geschichte der Sieger geraten sind, eine Stimme geben. Gute Absichten in allen Ehren – was spricht die Musik?

Grundsätzlich hat man es bei dem Komitee mit atmosphärischem Black Metal zu tun, der mich vor allem durch die generell dumpfen Gitarren und die Tatsache überzeugt, wie die Instrumente hier gehandhabt werden. Vor allem, dass der Bass deutlicher im Vordergrund steht als sonst im Genre üblich, gefällt mir gut. Atmosphäre erzeugt auch die leicht dumpfe Produktion, die allerdings thematisch voll und ganz angemessen ist, geht es doch um die dunkle Seite der Geschichte.
„Not our Revolution“ beginnt mit Sprechchören und Applaus einer großen Menschenmenge, bevor dann die Gitarren einsetzen, die mich zu Beginn an das erinnern, was Hallig machen, dann aber schnell eigenständig werden. Der dumpfe Sound fällt sofort auf – mitnichten schlechte Produktion, sondern vielmehr gekonnt eingesetztes Stilmittel, das mir hier besser gefällt als ein glasklarer Klang. Inhaltlich handelt „Not our Revolution“ von der russischen Revolution gegen den Zaren respektive von den Menschen, die sich gegen die Revolution der Bolschewiken gestellt haben und deren Widerstand von den Genossen anschließend totgeschwiegen wurde.
„The Man of Steel“ hat nichts mit Superman zu tun, sondern mit Josef Stalin: „Bow to the Man of Steel!“ schreit uns Sänger, Gitarrist und Bandgründer Igor Mortis entgegen. Es geht nicht nur darum, das Bild, das der Westen von Stalin hat, zu untermauern, sondern soll eine musikalische Analyse weniger der Person als vielmehr der Figur des Diktators sein. Kritische Auseinandersetzung sucht man hier vergeblich, allerdings muss das auch nicht sein, wie ich meine – zu dem Thema ist vieles schon gesagt.

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Bleiben so gesichtslos wie die vergessenen Toten, über die sie singen: The Committee

„By my bare Hands“ setzt erneut mit diesen Hallig-artigen Gitarren ein, die sehr stimmungsvoll sind, und fordert gleich mal „freedom“ und „justice“. Es geht um die Arbeiter im GULag – aber nicht nur um diejenigen, die unter der Sowjetherrschaft in den Lagern ihr Leben verloren, sondern nimmt auch die lange Tradition der Arbeitslager in Sibirien, die in Russland bis heute fortgeführt wird, in den Blick. Vergleichsweise langsam schiebt sich die Musik voran, der monotone Rhythmus und die harschen Growls sind so kalt wie ein Wintertag an der Kolyma. Hin und wieder steigert sich das Tempo zur Raserei, um dann wieder in die Monotonie zurückzufallen. Als Leser Solschenizyns drängen sich hier wirklich unschöne Bilder auf, und mich packt die Stimmung in diesem Song sofort. Groß!

Bringe dem Soldaten im fernen fremden Land von Katjuscha einen Gruß

 

An die Front kommt man mit „The last Goodbye“, das die Schrecken der Ostfrontsoldaten aller Länder im Zweiten Weltkrieg verhandelt. Auch hier herrschen eher doomige Elemente vor, was den Eindruck, dass man sich hier in einem absoluten Todesraum befindet, aus „By my bare Hands“ aufgreift und weitertransportiert. Hier alterniert das Tempo zwischen beängstigender Ruhe und brutalem Trommelfeuer. Thematisch im Zweiten Weltkrieg bleiben wir auch mit „Katherine’s Chant“, einem Lied über die Katjuscha, den von den Deutschen Soldaten mit Schrecken „Stalinorgel“ getauften Raketenwerfer der Roten Armee. Bei diesem Titel hätte ich mir wesentlich mehr Tempo und Blastbeats gewünscht, der Einsatz ist ebenso langsam-schleppend-doomig wie bei den vorhergehenden Liedern, nimmt dann allerdings an Fahrt auf. An das gleichnamige und überaus bekannte russische Liebeslied „Katjuscha“ erinnern die letzten Minuten des Songs mit einem astreinen Black-Metal-Cover, das langsam ausklingt – so makaber wie die Tatsache, einen Raketenwerfer „Katjalein“ zu nennen.

Der Titelsong „Power through Unity“ nimmt schließlich die Propagandamaschinen und die Manipulation der Menschen in Deutschland und Russland vor und während des Krieges in den Blick – und sendet musikalisch interessante Signale aus, denn hier werden die Nationalhymnen beider Länder in den Gitarrenriffs miteinander vermischt. Russland und Deutschland sind beides Länder, die sich nicht so ohne weiteres von der Geschichte freimachen können, aber The Committee haben eine deutliche Botschaft: Propaganda, über Jahrzehnte in die Köpfe der Menschen eingehämmert, hindert uns heute daran, in Bezug auf den jeweils anderen über seinen eigenen Schatten zu springen. Hinter der Propaganda stehen die sinistren Mächte, die immer von Krieg, Leid und Zerstörung profitieren. Eine Interpretation der Geschichte, über die man sicherlich streiten kann, allerdings ist die Hoffnung und ein großes Stück positive Energie, die beiden Nationen zugeschrieben wird, am Schluss deutlich herauszuhören, und damit bin selbst ich als studierter Historiker zufrieden.

Mich verwundert generell der Fokus auf die russische Geschichte etwas, denn bei The Committee hat man es mit einem internationalen Projekt zu tun: Sänger und Gitarrist Igor Mortis kommt aus Russland, Drummer William Auruman ist Ungar, Klampfer Aristo Crassade Franzose und Bassist Marc Arbre Holländer. Gut, es mag daran liegen, dass Igor Mortis für die Texte zuständig ist und die russische Geschichte vielleicht besonders viel hergibt an dunkler Vergangenheit (von den Nazis mal abgesehen, aber auf eine weitergehende Verwurstung dieses Themas hoffe ich nicht). The Committee erfinden musikalisch das Rad nicht neu, liefern aber ein stimmungsvolles Album ab, das bei mir sicherlich noch die ein oder andere Runde im Player drehen wird. Den Ansatz, die Verlierer der Geschichte in den Fokus zu nehmen, halte ich soweit für gelungen. Ich bin gespannt auf die Alben, die da hoffentlich noch folgen!

:mosch: :mosch: :mosch: :mosch: :mosch:

 

Anspieltipp: „By my bare Hands“

The CommitteePower Through Unity
Folter Records, VÖ: 28.02.2014

Tracklist:
1. Not Our Revolution
2. The Man of Steel
3. By My Bare Hands
4. The Last Goodbye
5. Katherine’s Chant
6. Power Through Unity

Laufzeit: 49:15

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