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Ich töte Männer. Und ich töte Frauen, denn ich will nicht diskriminierend erscheinen.

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New York, in naher Zukunft: Eine Gruppe Terroristen zündete eine Atombombe auf dem Times Square, Tausende sterben. Die Stadt ist verseucht und rottet seither vor sich hin, ganze Stadtviertel sind unbewohnbar. Und trotzdem leben immer noch Menschen hier, der Plebs im Dreck, die besser Betuchten leisten sich den Luxus der virtuellen Realität: auf Spezialbetten liegend, eingestöpselt ins Netz 2.0, betreut von ihren persönlichen Krankenschwestern, entfliehen sie dem Elend in ihren festungsartig ausgebauten Penthouse-Wohnungen. Jetzt verspricht eine Sekte um den dubiosen Fernsehprediger T. K. Harrow das Glück für jedermann. Alles, was die Jünger tun müssen, ist den wahren Glauben anzunehmen, und schon können auch sie ein Leben im virtuellen Paradies leben.
Spademan ist Müllmann – war schon immer Müllmann – auch vor der Katastrophe, bei der er seine Frau verlor. Nur kümmert er sich jetzt um menschlichen Dreck: Jeder, der in der Lage ist, Spademans Nummer herauszufinden und ein beträchtliches Sümmchen locker macht, kann seine Dienste in Anspruch nehmen. Spademan ist die Kugel: Er tötet für dich, aber den Abzug musst du selbst drücken. Er fragt nicht nach, sondern handelt, sobald Geld auf seinem Konto eingegangen ist. Alles sauber und diskret. Es gibt nur eine Regel: Die Opfer müssen älter als achtzehn Jahre sein – immerhin, so Spademan, müsse man ein echter Psychopath sein, um ein Kind zu töten.
Als er eine junge Frau namens Persephone, die Tochter des Fernsehpredigers, aufspüren und töten soll, hat Spademan also zunächst kein Problem. Nicht mal, als er merkt, dass er nicht der einzige Killer ist, den man auf Persephone angesetzt hat. Es dauert nicht lange, da hat er die Kleine dingfest gemacht, tut so, als wolle er ihr helfen, um sie dann diskret umzulegen. Da eröffnet ihm das Mädchen, dass sie schwanger sei – damit ist der Auftrag für Spademan gestorben. Für den anderen Killer und für Auftraggeber Harrow jedoch nicht…
Wenn man erwähnt, dass man Leute umbringt, regen sich immer alle gleich auf. […] Und wenn ich Ihnen jetzt erzählen würde, dass ich ausschließlich Leute töte, die im Kino zu laut quatschen? Oder die Rolltreppe blockieren? Oder einem die Vorfahrt nehmen?
Spademan ist ein bisschen was von allem: düstere Zukunftsvision, beinharter Thriller, Matrix, wie sie sein könnte. Und die Mischung gelingt im Debütroman des amerikanischen Journalisten Adam Sternbergh erstaunlich mühelos, so dass man es hier mit einem rasanten Thriller im postapokalyptischen Gewand zu tun hat. Klischees werden dabei gerade soweit bedient, dass man getrost damit leben kann (NATÜRLICH flüchten sich die reichen Säcke in die VR, NATÜRLICH hat der Anti-Held Spademan eine, sagen wir, unschöne Vergangenheit), und das ein oder andere Mal wird eine eher klischeehafte Idee hier erfrischend umgesetzt.
Wirklich beeindruckt hat mich allerdings Tonfall und Stil, in dem erzählt wird (und die der Übersetzer Alexander Wagner hervorragend ins Deutsche übertragen hat): Die ganze Geschichte ist ein innerer Monolog Spademans, nur dort, wo es absolut notwendig ist, durchbrochen vom auktorialen Erzähler, aber immer diesen lakonisch-zynischen Ton beibehaltend, der den Roman charakterisiert. Streckenweise musste ich an die Auszüge aus Rorschachs Tagebuch (aus Watchmen) denken, die einen ähnlichen Grundton haben. Spademan ist durch seinen Job abgestumpft, und Sinn für derben schwarzen Humor sollte der Leser definitiv mitbringen. Ganz kurze parataktische Sätze, keine Kennzeichnung der direkten Rede, angeschnittene Dialoge, dazwischen die bitteren Gedanken des Protagonisten – alles zeichnet ein düsteres Bild, nicht nur einer Stadt in der Zukunft, sondern auch der Figuren, allen voran natürlich Spademan selbst. Und auch der Leser bleibt nicht direkt verschont: Immer wieder zieht ihn Spademan in seine Monologe mit hinein, kompromittiert die eigenen Moralvorstellungen, ohne dabei großartig zu unterscheiden zwischen Gut und Böse. Es geht schließlich auch nicht darum, Morde, Mörder und die Doppelzüngigkeit von Kirchenmännern anzuprangern und zu verurteilen, sondern um einen Mann, ein verkommenes Subjekt, der in einer kaputten Welt getreu seiner Prinzipien handelt und dadurch eben NICHT zum strahlenden Helden wird, sondern einfach Spademan bleibt.
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Adam Sternbergh ist der Kulturredakteur des New York Times Magazines. Zuvor war er Chefredakteur beim Magazin New York. Seine Artikel erschienen in diversen Publikationen wie GQ, The Times und beim Radioprogramm “This American Life”. Er lebt in Brooklyn, New York und arbeitet zur Zeit an einem zweiten Spademan-Roman.Adam Sternbergh: Spademan (ET: 3. März 2014)Heyne Hardcore
304 Seiten, € 14,99

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1 Kommentar
  1. grausame67maus
    grausame67maus sagte:

    Ich habe so etwas noch nie in den Händen gehalten, aber antesten, kann ich es ja mal. Ich kenn mich nicht aus in dem Genre

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