We are Laibach and you will be assimilated

 

laibach-1Über dreißig Jahre Laibach – über dreißig Jahre Kunst, Retroavantgarde, Provokation, verschiedenste musikalische Experimente, wechselnde Besetzung, bahnbrechende Cover-Versionen, Spiel mit politischen Symbolen und der hohen Kunst der Ironie. Zuletzt machten die Slowenen mit dem Soundtrack zu dem finnischen Film Iron Sky auf sich aufmerksam, Vertonungen von Bachs Fugen oder einem Auftritt in der Tate Modern in London. Auf ein reguläres neues Album mussten die Fans lange warten, doch im März 2014 ist es endlich so weit: Spectre steht in den Läden und wird auf der dazugehörigen Tournee präsentiert.Überraschend eingängig geworden ist Spectre, verblüffend klar sind die Botschaften der Band um Ur-Mitglied Milan Fras und die mittlerweile zur festen Besetzung gehörende Sängerin/Synth-Frau Mina Špiler – erstmals verklausulieren Laibach ihre Texte nicht mehr, und die Musik ist alles andere als martialisch oder verkopft. Doch Vorsicht – so harmlos die Songs beim ersten Hören klingen, so böse und tiefgründig sind sie in Wirklichkeit. Meiner Meinung nach ist Laibach damit ein großartiges Album gelungen, auf dessen Live-Präsentation ich sehr gespannt war. Nicht nur ich, stelle ich fest, als ich am Sonntagabend im Feierwerk eintreffe, die Kranhalle füllt sich sehr schnell, und alle warten zu beschwingter Fahrstuhlmusik (sic!) auf die Slowenen, die ohne Vorgruppe unterwegs sind. Überraschend wenig Uniformen sind im Publikum zu sehen, doch aufgrund des recht hohen Altersdurchschnitts nehme ich mal an, dass hauptsächlich langjährige Fans vertreten sind. Um halb zehn geht es dann endlich los, die beiden Videoleinwände hinter der Bühne werden beleuchtet, die Band tritt auf und eröffnet den Abend mit der Eurovisionshymne und dem Song „Eurovision“ vom neuen Album – das übrigens im ersten Teil des Konzertes komplett durchgespielt werden wird, wenn auch in veränderter Titelreihenfolge. Nach dieser deutlichen Kritik an Europa geht es weiter mit „Walk with me“ und „Americana“ mit seinem fast schon Trip-Hop-artigen Rhythmus und Milans typischem Sprechgesang. „We are Millions and Millions“ und das grandiose „Eat Liver!“, bei denen Mina Špiler wieder den Gesang übernimmt, gönnen dem Publikum keine Pause. Die Band agiert gewohnt distanziert, verzichtet auf Ansagen und lässt die parallel eingespielten eindringlichen Videos und ihre Musik für sich sprechen. Nach „Bossanova“ und „Koran“ folgt der markante Eröffnungstrack von Spectre, „Whistleblowers“, der lautstark bejubelt wird, gefolgt vom sperrigen „No History“. Den Abschluss des ersten Konzertteils bildet das wahnsinnig intensive „Resistance is futile“, das wegen mir ewig hätte dauern können. Es beginnt so harmlos wie ein Achtzigerjahre-Popsong und wächst sich zu einem hypnotischen Electromonster aus, das einen richtiggehend verschlingt.
laibach-2Nach dieser intensiven ersten Dreiviertelstunde ist das zehnminütige Intermezzo – das auch so auf den Videoschirmen angekündigt ist, komplett mit Countdown – eine gute Sache, auch wenn ich solchen Pausen in Konzerten sonst eher skeptisch gegenüberstehe. Hier passt sie aber, man kann das Gesehene und Gehörte noch einmal auf sich wirken lassen, Luft schnappen, Geld am Merchandise-Stand ausgeben …
Pünktlich nach zehn Minuten geht es weiter, „Brat moj“ aus den Achtzigerjahren eröffnet die zweite Konzerthälfte, allerdings in der etwas veränderten Version, die seit einigen Jahren zum festen Live-Repertoire gehört und die sich sofort in die Gehörgänge frisst. Darauf folgt der zweite slowenische Song des Abends, „Ti, ki izzivaš“, ebenfalls aus der Frühphase der Band, ebenfalls etwas umarrangiert, weg von der ursprünglichen Industrialversion. Düster, schleppend, eindringlich sind die beiden Songs, ungeheuer atmosphärisch und mitreißend. „B-Mashina“ vom Album WAT aus dem Jahre 2003 wurde für den Soundtrack zum Film Iron Sky verwendet und wird dementsprechend mit Filmsequenzen auf den Videoleinwänden untermalt, ebenso wie das ruhige „Under the Iron Sky“, das wieder von Mina Špilers wunderschöner Stimme dominiert wird.
Mit „Leben – Tod“ packen sie einen ihrer Klassiker aus, um dann vier ihrer beeindruckenden Cover-Versionen anzuschließen: „Warme Lederhaut“ von The Normal, „Ballad of a thin Man“ von Bob Dylan, „See that my Grave is kept clean“ von Blind Lemon Jefferson, einem der Bonustracks von Spectre, und das Serge-Gainsbourgh-Cover „Love on the Beat“. Laibach zeigen hier wieder einmal deutlich, wie sie quasi jedes Lied aus jedem musikalischen Genre zu einem ihrer Songs machen können – und dass sie sich nicht auf die bekannten Cover-Klassiker wie „Jesus Christ Superstar“ oder „The final Countdown“ verlassen müssen.
Eine etwas weiterentwickelte Version von „Tanz mit Laibach“, die aber nicht weniger brachial ist, sowie „Das Spiel ist aus“ runden dieses visuell und akustisch beeindruckende Konzert ab. Als Abspann wird noch das Video zu „Whistleblowers“ auf den Leinwänden gezeigt, sodass sich die Halle erst nach und nach leert.
Fazit: Obwohl ich Laibach seit vielen Jahren kenne, war das mein erstes Konzert der Slowenen – und es wird nicht das letzte gewesen sein. Musikalisch und inhaltlich sind sie hochaktuell und innovativ wie immer, die neuen Songs funktionieren live sehr gut, und auch das zweigeteilte Programm war sehr passend. So konnte man sich im ersten Teil voll und ganz auf Spectre konzentrieren, das auch keinen einzigen Lückenfüller aufweist. Der musikalische Querschnitt durch Laibachs Karriere im zweiten Teil hat logischerweise etwas euphorischere Publikumsreaktionen hervorgerufen als das gerade erst veröffentlichte neue Album – vor allem „Tanz mit Laibach“ –, doch insgesamt war die Stimmung während des ganzen Konzerts gut (von einigen ziemlich rücksichtslosen Menschen im Publikum mal abgesehen).
Neben der Musik sind mir vor allem kleine Details ins Auge gefallen: die zwei nebeneinander montierten Videoleinwände, auf denen die Einspielungen jeweils spiegelverkehrt liefen, was interessante Effekte zur Folge hatte; oder die Computerstimme, die zwischen den Songs die „Ansagen“ übernommen und für einige Lacher gesorgt hat. Nach Aussagen einiger langjähriger Laibach-Fans war dies recht ungewöhnlich, und früher trat die Band wohl noch sehr viel militärischer auf, ohne jeden Funken von Humor. Ich bin auch jetzt, einige Tage nach dem Konzert, immer noch tief beeindruckt von Laibach und ihrer Ausdruckskraft!
Setlist:
1. Eurovision
2. Walk with me
3. Americana
4. We are Millions and Millions
5. Eat Liver!
6. Bossanova
7. Koran
8. Whistleblowers
9. No History
10. Resistance is futile
Intermezzo
11. Brat moj
12. Ti, ki izzivaš
13. B-Mashina
14. Under the Iron Sky
15. Leben – Tod
16. Warme Lederhaut
17. Ballad of a thin Man
18. See that my Grave is kept clean
19. Love on the Beat
20. Tanz mit Laibach
21. Das Spiel ist aus

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